Unter dem Moto „was ist geil und was kann weg“, wird in einer Art „symphonischem Musiktheater“ das Wort „Orchester“ an diesem Abend neu definiert.

24 genreübergreifende Musiker, die das Erbe klassischer Komposition ebenso schätzen wie die freie Improvisation, begeben sich gemeinsam auf die gewagte Reise, bestehende Werke zu verändern.

Masse und Individuum als Thema des 1.Satzes. Das ganze Orchester präsentiert sich auf der Bühne, bis sich die versteckte Klarinette aus dem Publikum dazu äußert. Ein großes Aufbäumen! Jeder so laut er kann! 4 Individuen gegenüber einer großen Masse. Was bleibt ist der Mensch und ein Schubert Choral, der gesungen vom ganzen Orchester erklingt.

Die Revolution mit dem Posaunisten steht vor Tür. So der 1.Satz. Im 2.Satz wird von einer fernen Welt erzählt, der hauchige Jazz-Trompeten Klang, verwoben mit hohen Gesangs-Klängen der Jazz-Sängerin an der Oboe machen neue Welten auf, bis sich 5 Bands im ganzen Raum verstecken und von verschiedenen Universen sprechen.

Doch ist es das was wir wollen? Trennung? Abspalten? Nein! Zusammen führen Sie eine musikalische Rede im unisono wodurch Sie das erklären. Oben Tanzen die Leute, während der Keller brennt. Nun geht es zur Sache, ob Polka, Techno oder Funk: es brodelt! Zur guter letzt leuchtet doch wieder Original Schubert durch die finsteren Kicks der Bassdrum. Geht es gut aus? Wir wissen es nicht…

Künstlerische Leitung: Juri de Marco
Regie: Theresa von Halle
Dramaturgie: Viola Schmitzer
Produktionsleitung: Clemens Seemann

http://stegreif-orchester.de


Berliner Morgenpost, 25.04.2017, Martina Helmig

…..Das Stegreiforchester überschreibt Schuberts Große C-Dur-Sinfonie mit seinen eigenen musikalischen Gedanken. Das berühmte Hornthema erklingt von Ferne aus dem Foyer. Ein Kontrabass wird kopfüber durch den voll besetzten Saal getragen. Mehr und mehr zupfende Streicher betreten die Bühne, laufen spielend durcheinander, bis sie stehen bleiben und mit vollem Einsatz Schubert ins Publikum schmettern…..
Aus einer dunklen Ecke ertönt das Klezmer-Schluchzen der Klarinette. Allmählich finden sich die Holzbläser zu Schuberts volkstümlichem Seitenthema zusammen. Sie spalten sich auf der Bühne als Grüppchen ab. Der Rest des Orches­ters belauert die Wortführer. Schließlich werden sie in die Ecke gedrängt und vertrieben. Die Musiker singen und summen im Chor. Die Posaune wagt ein angejazztes Solo, doch bevor Schubert zu frei wird, kehrt das Orchester zum Hauptthema zurück.
Das Konzept geht auf. Das Stegreiforchester hat sich eine spannende Nische im Experimentierflügel des Konzertbetriebs eingerichtet. Die Musiker spielen nicht nach Noten, ohne Dirigenten, und sie tragen keine Fräcke.

Die Regisseurin Theresa von Halle hat ihnen ein ganz aus der musikalischen Struktur heraus entwickeltes Bewegungskonzept auf den Leib geschrieben. Sie stellt musikalisches Miteinander und Gegeneinander bildhaft auf die Bühne, ohne zu plakativ zu werden. Die Bewegungen verdeutlichen die Struktur der Musik.
Auch die Arrangements und Zwischenkompositionen des Orchestergründers Juri de Marco, der in Berlin klassisches Horn und in Leipzig Jazztrompete studiert, spielen immer fantasievoll mit dem Schubert-Material. Es gibt Anklänge an Jazz, Folk, Rock und Elektro, aber keine billigen Collagen oder die Ausbeutung von bekannten Melodien. De Marco träumt davon, die traditionelle Musikwelt zu verändern.
Die Stegreif-Musiker haben Schubert analysiert und stilvoll mit eigenen Ideen ins Heute übersetzt. Spielt die Improvisation bei „Free Schubert“ auf der Bühne eine große Rolle? Wahrscheinlich nicht, es wirkt wie eine durchgeplante, gestylte, äußerst wirksame Performance. .. Das Finale der Schubert-Nummer mit dem minutenlangen Einfrieren der Musikergesichter direkt vor dem Einsatz, der wilden Tanzenergie und dem Geräuschtheater wird man nicht so schnell vergessen. Das nächste Mal hört man Schubert anders.

 

Süddeutsche Zeitung, 07.07.2017
Schubert lebt! 
Von Egbert Tholl, Nürnberg

Es spielt das Stehgreif.Orchester… Franz Schuberts große C-Dur-Symphonie so, wie man sie noch nie erlebt hat.

Und das geht so: Im Dunkeln des Raums erklingt hinter der Tribüne ein Bläser-Choral. Das stimmt, so fängt die Symphonie an. Nur selten von hinten ertönend. Dann gibt es auf der offenen Bühne ein bisschen Licht, in das einzelne Musiker hineinwandern, da ein Fagott, dort ein paar Streicher. Schließlich haben sich alle Musiker auf der Spielfläche versammelt, barfuß und schwarz gekleidet, und die Symphonie hebt an in knapper Pracht. Denn gleich zerfällt sie, und aus den Resten des Tutti-Klangs entsteht der Bodensatz wunderschönster Volksmusik. Schuberts Wurzeln streben in die Luft.

Überhaupt, Luft: In der Regie von Theresa von Halle gehen die Musiker auf Wanderschaft in der Klanglandschaft, die Schuberts Symphonie umschließt. Mal geht es um einen Disput zwischen Tutti und Soli, mal um ein wildes Durchmiteinander, manche schweifen frei ab in Jazz, vielleicht auch Klezmer, einige folgen ihnen, die E-Gitarre meldet sich, das Schlagzeug rumpelt, und immer wieder finden die Musiker sich dunkeltönend vollblütig bei Schubert, in neuem Licht und herrlicher Schönheit. Manches ist verstiegen, alles ist großartig.

 

http://www.deutschlandfunk.de/stegreiforchester-start-up-symphony.1247.de.html?dram:article_id=402471